„Klein sein und klein bleiben“? Erzählte Lebenswelten in Texten aus den letzten hundert Jahren. – David Gabriel

 

Kurs-Nr: 322-17 | Seminar | 10 x 90 Min. | Dienstag 10:00 – 11:30 Uhr

Kursgebühr: 255,- €

Termine: 20.09. / 11.10. / 18.10. / 25.10. / 08.11. / 15.11. / 22.11. / 29.11. / 06.12. / 13.12.2022

Ort: Im Mediapark 7, Haus KOMED, Köln

David Gabriel

Kursbeschreibung:

“Klein sein und klein bleiben. Und höbe und trüge mich eine Hand, ein Umstand, eine Weile bis hinauf, wo Nacht und Einfluß gebieten, ich würde die Verhältnisse, die mich bevorzugten, zerschlagen, und mich selber würde ich hinabwerfen ins niedrige, nichtssagende Dunkel. Ich kann nur in den unteren Regionen atmen” (Robert Walser – Jakob von Gunten)

Geduld und Gehorsam sind zwei der Tugenden des Erziehungsinstituts Benjamenta, in das sich der Protagonist zu Beginn von Jakob von Gunten einschreibt. Unter dem Diktum, dass er eine “kugelrunde Null” werden möchte, gewähren die Tagebuchaufzeichnungen einen Einblick in das Gedankenleben von Jakob, die Erziehungsmethoden im Institut und das Verhältnis zu den anderen Schülern und der Leitung des Instituts.

Dieses Zitat stelle ich als Anfangsüberlegung zur Diskussion, um es anhand mehrfacher thematisch, wie auch zeitlich sich abgrenzender Texte diskutierbar zu machen, denn es drängen sich die Fragen auf, was die Verhältnisse sind, die zerschlagen werden müssen? Was wird stattdessen als Form des Lebens und Atmens erhoben? Aus welcher Position kann Jakob behaupten die ihn bevorzugenden Verhältnisse, d.h. genauer Machtverhältnisse, anzugehen und zu überwinden?

Von diesen Fragen ausgehend widmet sich der Kurs der selbst- oder fremdbestimmten Freiheitsthematik der Protagonist*innen in unterschiedlichen zeitlichen und durch soziale Klasse bestimmten Ausformungen. Seien es die Beschreibungen des “kleinen Mannes” bei Hans Fallada, der Wunsch Dichterin zu werden bei Tove Ditlevsen oder die reflektierenden Beschreibungen und das soziale Milieu erkundenden Texte von Annie Ernaux oder Edouard Louis. In einem Durchgang durch diese Texte wird jedes Mal von einer anders gearteten unterdrückten oder bevorzugten und durch soziale Umstände geformten Position geschrieben. Differenzen und Ähnlichkeiten ergeben sich aus den jeweiligen eigenen Lebensumständen, sodass alle Figuren auf Wegen sind, die eine bestimmte Lebensform imaginieren und eine andere Lebensform, wie auch bestimmte gesellschaftliche Machtungleichheiten, ablehnen. Dabei wird entweder nach einer Umsetzung dieser Wünsche gestrebt, oder erst einmal die offenkundigen Barrieren und Grenzen in einer Reflexion der aktuellen Lage erkundet. Gibt es für diese suchenden Wege jemals ein Ende, sodass mit dem Buchtitel von Anke Stellings Roman letztendlich ausgesagt werden kann, dass die “Schäfchen im Trockenen” sind? Ist die Reflexion nicht vielmehr die dauernde Suchbewegung eines ‚unruhigen Herzens‘ (Augustinus), das sich einen Platz in oder neben der Gesellschaft verspricht, um zur Ruhe zu finden?

 

Lektüre in der Lese-Reihefolge

Robert Walser – Jakob von Gunten. Ein Tagebuch (Sämtliche Werke in zwanzig Bänden, Elfter Band), Suhrkamp 1985, Broschur, 192 Seiten, 7,99 € (978-3-518-37611-9)

Hans Fallada – Kleiner Mann – was nun? Roman. Erstmals in der Originalfassung, Aufbau 2017, Taschenbuch, 557 Seiten, 12,99€ (9783746633442)

Tove Ditlevsen – Kindheit (Teil 1 der Kopenhagen-Trilogie). Aufbau 2021, 118 Seiten, 18,00 € (978-3351038687) 

Annie Ernaux – Die Jahre. Suhrkamp 2019, Taschenbuch, 255 Seiten, 11,00 € (978-3518469682) 

Edouard Louis – Das Ende von Eddy. Fischer 2016, Taschenbuch, 208 Seiten, 12,00 € (978-3596032433) 

Mögliche weitere Literatur: 

Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen. btb 2020, Taschenbuch, 272 Seiten, 10,00 € (978-3442719716) 

Natascha Brown – Zusammenkunft. Suhrkamp 2022, Gebunden 113 Seiten, 20,00 € (978-3518430460) 

Jean-Paul Dubois – Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise. Dtv 2020, Gebunden 256 Seiten, 22,00 € (978-3423282406)

Hinweis: Maximale Teilnehmerzahl: 20.